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Ozean
Als die Evolution gefräßig wurde
Im zweiten Teil seiner P.M.–Serie über den Ozean blickt Bestsellerautor Frank Schätzing (»Der Schwarm«) 500 Millionen Jahre zurück, erklärt, was damals geschah – und lässt uns teilhaben an den Abenteuern eines kleinen, ängstlichen Trilobiten.
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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In der erhabenen Stille der Rocky Mountains von British Columbia fand ein Geologe vor 100 Jahren versteinerte Zeugnisse von fürchterlicher Vitalität: Im Erdzeitalter »Kambrium« war die Welt fast ganz von Wasser bedeckt; darin entwickelten sich explosiv schwer bewaffnete und gepanzerte neue Lebewesen. Im zweiten Teil seiner P.M.–Serie über das Meeresleben blickt Bestsellerautor Frank Schätzing (»Der Schwarm«) 500 Millionen Jahre zurück, erklärt, was damals geschah – und lässt uns teilhaben an den Abenteuern eines kleinen, ängstlichen Trilobiten.
Eigentlich hatte der Tag ganz ordentlich begonnen. Die Sonne war strahlend über der Lagune aufgegangen und erwärmte das Wasser bis auf den Grund. Wochenlang hatten aufgeplus-terte Wolkenmassen einen nicht enden wollenden Dauerregen niedergehen lassen und das kleine Flachmeer ins Trübe getaucht. Jetzt nahmen die Augen des Trilobiten viel Helligkeit wahr, die über den groben Sand irrlichterte, von den Wellen zigfach gebrochen. Für ein Wesen, das vor wenigen Millionen Jahren erst Weichtiere ohne Extremitäten und Organe abgelöst hatte, sah er bemerkenswert gut. Jedes seiner turmförmigen Augen war aus 500 einzelnen Linsen zusammengesetzt, die aneinander grenzten und ihm einen lückenlosen Rundumblick verschafften.
Andere Arten seiner Spezies hatten längst nicht so schöne Augen. Bei manchen lagen die Linsen weit auseinander – wie sollte man damit ein vernünftiges Bild aufnehmen? Andere verloren ihre Augen nach einer Weile wieder oder krabbelten von vornherein blind durchs Oberkambrium. Da war der kleine Trilobit von ganz anderem Schlag! Eben hatte er seine alten Schalen abgestreift und stromerte nun in runderneuerter Hülle umher. Sein frischer Panzer schimmerte im einfallenden Sonnenlicht, war allerdings noch nicht ganz durchgehärtet – eher ein Grund, im Schutz der Steine zu verharren, wenn man ein weiser Trilobit war. Aber das Licht hatte ihn hinausgelockt. Seine 15 kiemenbesetzten Beinpaare unter dem ovalen Panzer mit dem mächtigen, stachelbewehrten Kopfschild trugen ihn flink zwischen Farnen und wogenden Algengewächsen hindurch.
Stolz hätte er sein können, dass die Natur es fertig brachte, so viele Beinchen in so perfekter Koordination zu bewegen, doch Stolz war eines Trilobiten Sache nicht. Dämmrige Empfindungen kennzeichneten sein Leben, allenfalls so etwas wie Wohlbefinden, meistens Furcht, fast immer Hunger. Der Hunger schlug die Furcht. Fressen konnte man nicht genug, so viel war sicher. Und etwas sagte dem kleinen Trilobiten, dass heute der Tisch reich für ihn gedeckt sei.
Seine Antennen sondierten die Lage, nahmen feinste Druckunterschiede wahr, die vom strömenden Wasser und vorbeiziehenden Lebewesen ausgesandt wurden. Der zweigeteilte Schwanzfortsatz zitterte erregt. Die Geschmackssensoren an seinen Füßchen hatten eine Spur aufgenommen, die von Delikatem kündete. Nicht weit lag etwas Längliches im Sand und rührte sich nicht. Der Trilobit verharrte, dann lief er zu dem Ding hi-nüber, überwältigt vom Duft. Es war ein halber Wurm – die andere Hälfte schien schon jemandem geschmeckt zu haben. Aas vom Feinsten! Nicht dass der Trilobit das Jagen scheute, aber wenn man um das Zeit raubende Gelauere herumkam, lebte es sich auch nicht übel. Wie oft hatte er sich damit begnügen müssen, den Sand zu filtrieren. Der Wurm war ein willkommenes Festmahl. Es wurde Zeit, ihn zu genießen, bevor jemand auf die Idee kam, seinen Teil abhaben zu wollen.
In dem Moment, da sich der kleine Trilobit zum Verzehr rüstete, verdunkelte sich der Himmel. Etwas Gewaltiges kam von oben herabgeschossen, so groß, dass es sein Sichtfeld fast vollständig ausfüllte. Zwei stachelige Greiforgane zuckten auf ihn hernieder. Der Trilobit brauchte keine Sekunde nachzudenken, was er im Übrigen auch gar nicht konnte. Seine Gene wussten, was zu tun sei. Im Bruchteil eines Augenblicks, bevor die Klauen ihn packen konnten, rollte er sich zusammen. Seine vielen Körpersegmente waren höchst beweglich, mit passgenauen Kerben und Verschlussfurchen, die es ihm erlaubten, sein verletzliches Inneres hermetisch zu versiegeln. Als sich die Klauen um ihn schlossen, war aus dem Trilobiten eine stachelige, ungenießbare Kugel geworden. Einzig die Augen lugten noch unter den Liddeckeln hervor, und was sie sahen, kündete von nichts Gutem.
Wer immer ihn gepackt hielt, hatte wohl ebenso großen Hunger wie sein Opfer. Das konnte ja heiter werden. Wo doch der Panzer noch nicht richtig hart war! Blöder Wurm, der ihn alle Vorsicht hatte vergessen lassen. Er sah sich emporgehoben, dann tat sich über ihm ein riesiges Maul auf, besetzt mit nadelspitzen Zähnen. Die Zähne fuhren auseinander und gaben den Blick frei auf einen Rachen, in dem das Leben nun also enden sollte, diese ohnehin erbärmliche Existenz zwischen Nahrungssuche, Stürmen und Vulkanausbrüchen. Die zarten Beinchen und Antennen und die schönen Augen würden geschreddert werden, bis nichts mehr blieb, nicht mal eine Erinnerung.
Es konnte, es durfte nicht sein! Plan B war fällig, oder das späte Kambrium würde bald um einen Trilobiten ärmer sein.
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