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Protokoll einer Katastrophe

Als der Vesuv explodierte

Plinius der Jüngere erlebte mit 18 Jahren den Vulkanausbruch nur knapp 30 Kilometer von Pompeji entfernt. Seine Erlebnisse verarbeitete er 25 Jahre später in zwei Briefen an den Geschichtsschreiber Tacitus – und lieferte damit den einzigen existierenden Augenzeugenbericht.

Dieser Artikel stammt aus P.M. Perspektive
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Als der Vesuv explodierteAls der Vesuv explodierte

Kürzlich noch war der Vesuv beschattet von grünenden Reben,/edler Traubensaft ward hier in Kufen gepresst./Mehr als die Hügel von Nysa hat Bacchus geliebt diese Höhen,/jüngst haben hier noch am Berg Faune im Reigen getanzt./Hier war die Stätte der Venus, die mehr als Sparta sie liebte,/und hier lag die Stadt, welche durch Herkules’ Namen berühmt./All dies ging auf in Flammen und liegt unter Asche begraben./Selbst die Götter gereut’s, dass sie dieses Unheil vollbracht.«

Erschüttert besang der römische Dichter Martial den Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n. Chr. Binnen weniger Stunden brachen Tod und Zerstörung über die reiche Stadt Pompeji und große Teile der blühenden Region Campanien herein – wurden Städte, Dörfer und Weinberge unter heißem Ascheregen begraben. Da Kaiser Titus entschied, die von den Göttern verfluchten Orte nicht mehr aufzubauen, gerieten sie in Vergessenheit. Erst vor rund 250 Jahren wurden die Ruinen Pompejis wiederentdeckt – eine Sensation für die Wissenschaft.

Bis heute kommen bei Ausgrabungen neue Funde ans Tageslicht und liefern der Nachwelt ein eindrucksvolles Zeugnis des Lebens in einer antiken Stadt – und seiner plötzlichen Vernichtung. Allein in den Häusern und Straßen Pompejis wurden die Überreste von mehr als 1000 Toten gefunden. Der französische Archäologe Robert Étienne schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts: »Ich kenne nichts Rührenderes, Eindruckvolleres als die Stellungen der Toten von Pompeji: Gladiatoren, noch angekettet und vergessen, Mütter schützend über ihren Kindern, fliehende Männer, alle im Todeskampf von heißer Asche umschlossen.«

Was genau hat sich an jenem 24. August zugetragen? (Es gibt auch Hinweise für einen Ausbruch im Herbst.) Antworten auf diese Frage liefern zwei Briefe eines Augen-
zeugen: Gaius Plinius Secundus (Plinius der Ältere, 23–79 n. Chr.) war ein römischer Gelehrter. Im Frühjahr 79 hatte man ihn zum Präfekten der römischen Flotte in Misenum ernannt, der Stadt am Nordrand des Golfs von Neapel. Zur Zeit der Katastrophe weilte sein 18-jähriger Neffe Plinius der Jüngere (um 62–113 n. Chr.) mit seiner Mutter bei ihm zu Besuch. 25 Jahre später berichtete dieser in seinen Briefen an den Historiker Tacitus über die Ereignisse während des Vulkanausbruchs. Zwar hatte er die Katastrophe nicht aus nächster Nähe erlebt – Misenum liegt gut 25 Kilometer vom Vesuv entfernt –, doch seine Briefe enthalten den einzigen »Live-Bericht«, der erhalten ist. Im ersten Brief schreibt Plinius über eine Rettungsaktion seines Onkels, der versuchte, den in Lebensgefahr schwebenden Menschen zu Hilfe zu kommen und dabei selbst starb.

Er beginnt mit der Anrede: »Gaius Plinius grüßt seinen Freund Tacitus. Du bittest, dass ich Dir über den Tod meines Onkels schreibe, damit Du es umso wahrheitsgemäßer der Nachwelt überliefern kannst ...« Er fährt fort: Mein Onkel »befand sich gerade in Misenum, wo er persönlich das Kommando über die Flotte führte. Am 24. August, ungefähr um ein Uhr mittags, sagte ihm meine Mutter, dass eine Wolke von ungewöhnlicher Größe und Aussehen sich zeigte. Er hatte ein Sonnenbad genommen und sich mit kaltem Wasser erfrischt, liegend hatte er gespeist und studiert. Er verlangte nach seinen Sandalen und bestieg die Stelle, von der aus jene wunderbare Erscheinung sehr gut erblickt werden konnte. Es war für die von fern Zusehenden unklar, aus welchem Berg die Wolke sich erhob (später erkannte man, dass es der Vesuv gewesen war), deren Ähnlichkeit und Form kein anderer Baum mehr als die Pinie ausgedrückt hätte. Denn sie wuchs wie mit einem Riesenstamm empor und teilte sich in einige Zweige, ich glaube, weil sie durch den frischen Druck erhoben; als er nachließ, wurde sie im Stich gelassen und sogar durch ihr Gewicht besiegt und verflüchtigte sich in die Breite, manchmal weiß, manchmal schmutzig und fleckig, je nachdem, ob sie Erde oder Asche hochgehoben hatte.«

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Autor/in: Antje Windgassen


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