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1968: Ende des »Prager Frühlings«

Als der Traum vom menschlichen Kommunismus starb

Im Sommer ist Prag voller Touristen – heute wie vor 40 Jahren. Damals besetzten Sowjet-Panzer die Hauptstadt und walzten die Reform Alexander Dubčeks nieder, des ungeliebten Chefs der Kommunisten. Die Zeitzeugen von einst erinnern sich an ihren Widerstand.

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Als der Traum vom menschlichen Kommunismus starbAls der Traum vom menschlichen Kommunismus starb

Es ist Dienstag, der 20. August 1968, kurz vor 22 Uhr. Auf dem Prager Flughafen, 15 Kilometer vom Zentrum der tschechoslowakischen Hauptstadt entfernt, rollt in der Abenddämmerung des böhmischen Hochsommers eine russische Zivilmaschine aus. Elitesoldaten der Luftlandetruppen besetzen Tower und Empfangsgebäude. Die Kantine wird zum Navigationsraum für die Fluglotsen. Stundenlang passiert nichts. Dann aber geht es Schlag auf Schlag. Im Minutentakt fliegen Iljuschins die Piste von Ruzyne an. Die Truppen des Warschauer Pakts besetzen die Tschechoslowakei. »Brüderliche Hilfe« nennt sich ihr Einmarsch. Ihr Auftrag: den »Prager Frühling« niederzuschlagen.

Um vier Uhr in der Früh rollen die russischen Kampfpanzer Richtung Altstadt. An ihren weißen Streifen sind sie leicht zu erkennen, erinnert sich der gebürtige Prager Karel Hvízd’ala, damals Reporter für das politische Wochenmagazin »Mlady Svet«. »Die russischen Soldaten wussten nicht, wo sie sich befanden. Sie glaubten, in Deutschland zu sein«, so der heute 66-jährige Journalist und Schriftsteller zu den Ereignissen mit einem ironischen Grinsen. Zwei Stunden später erreichen die Panzer das Rundfunkgebäude und umstellen es. Eine gefährliche Situation. Immer mehr Menschen sind von dem Lärm der Ketten geweckt worden, beobachten den Einmarsch, gehen auf die Straße, strömen Richtung Radiostation. Es herrscht eine angespannte Stimmung. Inmitten Hunderter Prager Bürger stehen die Panzer wie eingekesselt auf der Prachtstraße. Bilder, die der Fotograf Oldrich Skácha mit seiner Leica M3 festhält. Die Frage ist: Bleibt die Menge ruhig? Kommt es zum Eklat? Werden die russischen Panzerkommandanten nervös? Rückt die eigene Armee aus?

An diesem Mittwochmorgen des 21. August geht, 60 Kilometer nordöstlich von Prag in Madla Boleslav, Petr Hrdlička zur Arbeit. Der Ingenieur arbeitet hier in den Skoda-Werken. Der Sohn des berühmten Vaters Karel, der vor der Okkupation der Nationalsozialisten die Geschicke der Traditionsmarke lenkte, hat im Radio gehört, dass Truppen und Panzer auf Prag zurollen. Aber hier in der Provinz ist alles ruhig. »Wir haben wie gewohnt gearbeitet«, erzählt der Autokonstrukteur. »Was hätten wir auch tun sollen? Was in der Hauptstadt geschieht, konnte und wollte sich damals keiner hier im Werk so recht vorstellen«, sagt Hrdlička ebenso emotionslos wie nüchtern, beinahe ohne Anteilnahme.

Daher ist es für die Zeitgenossen so unfassbar:
– dass die Sowjetunion die größte Militäraktion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Gang setzt;
– dass die UdSSR den einzigen Staat in seinem Machtbereich besetzt, in dem sich ein sowjetfreundliches Regime ohne russische Militärpräsenz halten kann;
– dass deutsche Soldaten sich am Einmarsch beteiligen und weitere zwei Divisionen der Nationalen Volksarmee der DDR in Alarmbereitschaft an der Grenze auf ihren Einsatz warten.

Unfassbar auch, weil die Tschechoslowaken im Unterschied zu allen anderen Ostblockstaaten, in die der Kommunismus mit den Rotarmisten gekommen war, für diesen auch in freier Wahl gestimmt haben.

All diese Zusammenhänge tragen die Historiker nachträglich zusammen und gewichten sie. »Denn anders als in der DDR 1953, in Ungarn 1956, in Polen 1980 und im gesamten Ostblock 1989 war für Tschechen und Slowaken 1968 nicht die herrschende Kommunistische Partei der Gegner«, schreibt Reinhard Veser über die Volksbewegung. »Als die von der Parteiführung begonnenen Reformen von außen beendet wurden, standen Tschechen und Slowaken gemeinsam mit ihr gegen die Okkupanten.«

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