Der Unterschied zwischen einer Demokratie und einer Diktatur liegt darin, daß du in der Demokratie wählen darfst, bevor du den Befehlen gehorchst.
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P.M. vor Ort: Sumatra
Überlebenstraining für Orang-Utans. Das Camp der Affen
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Orang-Utans werden immer noch als Haustiere gehalten – oder als Lustobjekte in Bordellen. Doch wenn die indonesische Polizei ihrer habhaft wird, kommen die halb zahmen Tiere nach Sumatra. Dort lernen sie, was sie eigentlich können müssten: das Überleben im Urwald.
Flughafen Jambi, Sumatra, Indonesien. Am anderen Ende der Welt herrschen 27 Grad Celsius Außentemperatur, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 100 Prozent. Es regnet wie in Deutschland, nur wärmer. Dr. Peter Pratje, 40, von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt holt mich und meinen Fotografen ab. Er sieht aus wie der Filmheld Indiana Jones: hoch ge-wachsen, durchtrainiert. Sein Auto passt zu ihm – ein Toyota Landcruiser: bulliger Sechszylinder-Motor, riesige Simex-Spezialreifen für schweres Gelände, eine Drei-Tonnen-Seilwinde auf der vorderen Stoßstange. Das ist kein Spaßmobil.
Zum Spaß sind wir auch nicht hier. Wir sind auf dem Weg zu den letzten Orang-Utans der Welt. Nur noch 7000 der großen rothaarigen Menschenaffen gibt es auf Sumatra (und weitere 12000 auf der Nachbarinsel Borneo). Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich der Bestand halbiert. Wenn die Rettungsmaßnahmen internationaler Tierschützer jetzt keinen Erfolg ha-ben, wird die Art noch in diesem Jahrhundert, vermutlich sogar innerhalb der nächsten zehn Jahre, endgültig verschwunden sein. Ursache dafür ist der Verlust ihres Lebensraums. Orang-Utans (malaiisch: Waldmenschen) leben auf Bäumen; dort finden sie ihre Nahrung und bauen Schlafnester in den bis zu 80 Meter hohen Wipfeln. Aber jährlich werden in Indonesien eine Million Hektar Regenwald zerstört – das entspricht 2,5 Fußballfeldern pro Minute, rund um die Uhr, Tag für Tag, Monat für Monat.
Peter Pratje hat 250 Kilometer von Jambi entfernt eine Auswilderungsstation für Orang-Utans gegründet. Dabei hält er sich an die strengen Richtlinien der »Species Survival Commission«, der Artenschutz-Kommission in der Umweltorganisation IUCN (»International Union for the Conservation of Nature«): Nach diesen Regeln wurden unter anderem schon Bartgeier in den Alpen, Oryx-Antilopen auf der Arabischen Halbinsel und Luchse in der Schweiz ausgesiedelt. Mitten im »Bukit Tigapuluh«-Nationalpark will Pratje eine neue Menschenaffenpopulation aufbauen, die mithelfen soll, das Aussterben der Art zu verhindern. Der Nationalpark ist optimal für diesen Zweck geeignet: Er ist immer noch ein nahezu perfektes Ökosystem. Indonesische Wildelefanten leben hier, seltene Nashornvögel, sogar die vom Aussterben bedrohten Sumatra-Tiger – und nur wenig Menschen. Lediglich kleine Gruppen von Nomaden ziehen durch den Urwald, wie seit Jahrhunderten. Die Indonesier nennen sie »Kubu«, die Blödmänner; sie selbst bezeichnen sich als »Orang-Nimbos«, Waldkinder. Nur Orang-Utans gibt es hier seit langer Zeit nicht mehr.
Bukit Tigapuluh ist kaum zu erreichen. Eine einzige marode Piste führt die letzten 70 Kilometer durch den Dschungel. Schon in der Trockenzeit ist sie schwer passierbar – in der Regenzeit wird es nahezu unmöglich, zu der Station zu gelangen. »Das ist Absicht«, sagt Pratje. »Die abgelegene Lage schützt uns nicht nur vor den illegalen Holzfällern, die sonst überall auf Sumatra jahrhundertealte Baumriesen fällen und damit den Lebensraum der Tiere zerstören. Es schützt uns auch vor Rucksacktouristen. Unsere frühere Station Bohorok wurde zum Schluss von jährlich bis zu 500000 Besuchern fast lahm gelegt. Das wird in Tigapuluh bestimmt nicht passieren.«
Noch in der Nacht erreichen wir den Rand des Nationalparks, aber Pratje wagt es nicht, im Dunkeln weiterzufahren. Am nächsten Morgen stoßen ein Allrad-Pick-up mit einheimischen Mitarbeitern der Auswilderungsstation und ein Bergungstrupp von vier halbnackten Männern in einem schrottreifen Jeep mit riesiger 16-Tonnen-Winde zu uns. Nur im Konvoi haben wir überhaupt eine Chance, Tigapuluh zu erreichen.
Um sechs Uhr früh fahren wir auf die 70 Kilometer lange Piste. Sie besteht zunächst aus schmierigem Ton, dann aus zähem Morast. Die Fahrer schalten in den kleinsten Geländegang. Mit heulenden Motoren arbeiten sich die Autos durch den schweren Boden. Erst nach 17 Stunden erreichen wir die Station. Vorher hat unser Toyota im hüfttiefen Lehm zweimal das linke Vorderrad verloren – einfach weggerissen. Zigmal muss die motorgetriebene Seilwinde eingesetzt werden: Das Seil wird an einem Baum befestigt, und das Fahrzeug zieht sich selbst aus den Schlammlöchern. Der Pick-up stürzt kurz vor der Station von einer Behelfsbrücke aus zwei Baumstämmen in einen Bach – niemand wird verletzt, aber es dauert 24 Stunden, bis das Auto geborgen ist.
Die Gebäude der Station sind über ein weitläufiges Urwald-Areal verstreut, das durch den Pengian-Fluss geteilt wird. Auf der einen Seite des Flusses steht das hölzerne Küchengebäude, wo es entweder Nasigoreng, oder Nasigoreng oder Nasigoreng gibt. Außer dem Instant-Reisgericht hat die Köchin nicht viel zu bieten: ab und zu mal ein Hühnerei, gefiltertes Wasser und süßen Ginseng-Instant-Kaffee. Auf der anderen Seite des Pengian stehen die Häuser der Mitarbeiter, die Tierklinik und die Käfiganlagen. Leider hat ein Hochwasser die Brücke weggerissen: Um von der Küche ins Bett zu kommen, muss man jetzt den Fluss durchwaten, am besten in Bergstiefeln und langen Hosen – an nackter Haut saugen sich sofort Blutegel fest, besonders gern zwischen den Zehen.
Gästezimmer gibt es nicht; wir schlafen in der Tierklinik unter Moskitonetzen. »Riegelt die Tür hinter Euch ab«, rät Peter Pratje. »Unsere Orang-Utans sind clevere Einbrecher.« Unter Primatenforschern gelten die bis zu 1,90 Meter großen Menschenaffen nicht nur als besonders kräftig (ein erwachsenes Orang-Männchen ist bis zu 20-mal so stark wie ein Menschen-Mann), sondern auch als besonders intelligent. »Wenn man einem Schimpansen einen Schlüsselbund gibt«, sagt Pratje, »schmeißt er ihn einem anderen Schimpansen an den Kopf. Ein Go-rilla würde sich damit das Fell kratzen. Wenn man aber einem Orang Schlüssel gibt, sucht er das passende Schloss und schließt auf.«
Auf Überraschungen muss man immer gefasst sein. Einige der ausgewilderten Orang-Utans waren in die Nähe der Station zurückgekehrt; einer von ihnen brach den Medizinschrank in der Klinik auf und räumte ihn aus. Ein Weibchen, Ricky, hebelte mit einem Prügel die Tür zu Pratjes Holzhaus auf, klaute den Schlafsack, weichte ihn im Fluss ein und schrubbte damit den Dielenboden. »Ricky hält sich für eine Putzfrau«, sagt Pratje, »sie will mit den anderen Affen nichts zu tun haben.«
Solche Verhaltensauffälligkeiten haben einen Grund: Alle Orang-Utans, die hier ausgewildert werden, sind als Haustiere aufgewachsen. Obwohl es streng verboten ist, gilt es unter hohen Militär- und Polizei-Offizieren immer noch als Statussymbol, einen kleinen Orang als Spielzeug für die Kinder zu besitzen. Dafür werden die Affen-Mütter erschlagen und ihre Babys eingefangen; viele von ihnen sterben allerdings schon auf dem Transport oder durch falsche Ernährung. Auf ein überlebendes Orang-Baby kommen drei bis zehn tote Menschenaffen. Die Behörden schätzen, dass rund 400 Orang-Utans in indonesischen Haushalten leben. Dazu kommen Gruppen von Orang-Utan-Weibchen, die angeblich in südasiatischen Bordellen als Lustobjekt für Männer mit ausgefallenen Sex-Wünschen gehalten werden. Pratje hat davon gehört, aber die Zahl der betroffenen Tiere kennt er nicht.
Die Orangs, die nach Tigapuluh kommen, wurden von der Polizei konfisziert, in einer Quarantänestation im Norden Sumatras medizinisch gecheckt und dann zu Pratje geschickt. Er bereitet sie auf das Leben im Urwald vor und wildert sie dann im Nationalpark aus – 15 Tiere hat er seit Dezember 2003 der Natur zurückgegeben.
Die Käfiganlage befindet sich am entferntesten Ende der Station. Sie ist ein großes Bauwerk aus Stahlgittern, über zwölf Meter hoch; der Boden, ebenfalls ein Gitter, liegt vier Meter über dem gerodeten Urwaldboden: Die konfiszierten Orangs sollen sich hier an ein Leben in luftiger Höhe gewöhnen. Bei ihren Menschen-Familien waren die meisten von ihnen Stubenhocker. Es gibt Fotos von ihnen, wie sie bräsig und mit stumpfem Blick irgendwo auf dem Sofa sitzen. Manche sind nicht einmal schwindelfrei, wenn sie nach Tigapuluh kommen.
In freier Wildbahn betritt ein Orang nur im Notfall den Boden. Viel lieber klettert er in den turmhohen Urwaldriesen herum, sucht nach Futter (Früchte, Blätter, notfalls Rinde, gelegentlich ein Vogelei) und baut sich jeden Abend ein frisches Schlafnest in schwindelnder Höhe. Orang-Utans sind Einzelgänger und halten nichts davon, wie die Paviane kreischend von Ast zu Ast zu springen. Bedächtig und schweigsam klettern sie durch den Wald, prüfen die Äste auf ihre Tragfähigkeit, biegen sie mit ihrem Körpergewicht zur Seite, bis sie den nächsten Baum erreichen können. Ihre Kommunikation besteht lediglich aus Gesten und Mimik. Und nur die großen Männchen stoßen manchmal einen Furcht erregenden Schrei aus, den so genannten Longcall. So weit das Gebrüll zu hören ist, reicht ihr Revier.
Das gesamte Orang-Leben verläuft geruhsam. Nach etwa 250 Tagen Tragezeit kommt das Orang-Baby zur Welt – mit großen dunklen Augen, riesigem Kopf, langen Armen und spärlichen orangeroten Fellzotteln, die zwar 50 Zentimeter lang werden können, aber immer nach beginnender Glatzenbildung aussehen. Bis zu sieben Jahre lang weichen die kleinen Menschenaffen nicht von der Seite ihrer Mutter. Mit zwölf werden sie geschlechtsreif. Die Männchen entwickeln dicke Balkenwülste über den Augen und bilden einen lappigen Kehlsack heraus. Die Weibchen werden nur alle acht Jahre schwanger und bekommen dann jeweils ein Baby. Die Lebenserwartung beträgt etwa 40 Jahre.
Millionen Jahre ging das gut. Gelegentlich fielen Orangs Wildschweinen zum Opfer, wenn sie unvorsichtig auf dem Waldboden spazieren gingen, manchmal auch Tigern oder anderen Räubern. Aber der gefährlichste Feind der großen Affen ist der Mensch, sein nächster Verwandter. Die erste Katastrophe erlebten sie im 19. Jahrhundert, als die weißen Forscher viel Geld für Orang-Skelette zahlten, um damit ihre Evolutionstheorie zu untermauern. Im 20. Jahrhundert wurden ganze Familiengruppen eingefangen und in westliche Zoos verfrachtet, wo sie selten mehr als drei Jahre überlebten. Aber erst neuerdings sind sie vom Aussterben bedroht, weil ihr Lebensraum, der Tieflandregenwald, abgeholzt oder niedergebrannt wird, um Tropenholz zu gewinnen oder Ölpalmen-Plantagen anzulegen.
Am Morgen weckt uns der Longcall des dienstältesten Männchens in der Käfiganlage. Es regnet noch immer. Beunruhigend aggressiv klingt das Gebrüll von Mustafa, und dass er uns durch seine Gitterstäbe intensiv beobachtet, während wir näherkommen, ist auch nicht gerade eine vertrauensbildende Maßnahme. Pratje ist bereits vor Ort. Er krault Rimba, das liebebedürftige dreijährige Orang-Mädchen, und seine Freundin Desy. »Mädels«, sagt er zu den beiden, »heute lernen wir, wie man Termiten aus dem
Nest saugt.« Aber die jungen Damen haben mehr Interesse an den Mandarinen in seinem Futterkorb. Pratje stellt den Korb beiseite: »Hallo, hier spielt die Musik. Ein bisschen Konzentration bitte!« Zur Demonstration holt er mit einem Stöckchen ein paar der Insekten aus dem Nest und leckt sie ab. Pratje ist ein gutmütiger Lehrer.
Aus den Augenwinkeln beobachtet er Waikiki, 8, der bereits den Käfig verlassen durfte, aber zur Station zurückgekehrt ist und durch die Baumwipfel turnt. »Waikiki hat zunächst nicht genug zu fressen gefunden und war schon sehr geschwächt«, sagt Pratje, »aber jetzt zieht er mit Sandy herum, die kennt sich im Urwald aus und hat neulich einen riesigen Obstbaum gefunden – da saßen die beiden wochenlang drin und haben sich den Bauch voll geschlagen.«
In seinem Käfig lümmelt Mustafa in einer Art Basketballkorb: ein Trainingsgerät für Stubenhocker, die sich daran gewöhnen müssen, in großer Höhe zu schlafen. Selbst die wichtigsten Waldfrüchte kennen die konfiszierten Affen nicht. Pratjes Tierpfleger verbringen viel Zeit damit, ihnen zum Beispiel die stinkende, aber wohlschmeckende Duran-Frucht nahe zu bringen oder zu zeigen, dass man auch Rinde essen kann.
Erst wenn der Grundkurs für das Überleben im Urwald abgeschlossen ist, dürfen die Tiere den Käfig verlassen. Die Kleinen bleiben zunächst in der Umgebung der Station. Hier lernen sie, dass zwei Zentimeter dicke Äste bezüglich der Tragfähigkeit nicht mit den Zwei-Zentimeter-Wasserrohren in den Wohnungen ihrer früheren Familien vergleichbar sind. Das ist gelegentlich ein schmerzhafter Prozess. Madu stürzte aus acht Meter Höhe ab, in der Hand eine windige Rotan-Ranke. Marlon crashte aus zehn Meter Höhe auf den Waldboden. Die Affen haben es überstanden, aber der Urwald rund um das Camp sieht aus, als hätte jemand eine Splitterbombe abgeworfen.
Nur die erwachsenen Orang-Männer können nicht in der Nähe der Station freigelassen werden: zu gefährlich. Man bringt sie tiefer in den Urwald, etwa eine Stunde Fußmarsch entfernt. Heute soll Franky ausgewildert werden, ein 12-jähriges Männchen mit mächtigem Flaschenkopf. Es kann Pratje nicht leiden, seit der ihm bei der Einlieferung in die Station ein Büschel Haare aus dem Handrücken rupfte – Material für die Gen-Datenbank, die die Zoologen anlegen. Immer wenn Pratje am Käfig vorbeikommt, greift der große Affe nach ihm. »Haltet Abstand«, warnt Pratje, »das ist ein Grapscher.«
Mit dem Blasrohr schießt er Franky eine Betäubungsspritze in den Po. Sie enthält die »Hellabrunner Mischung« aus Ketamin und Xylacin, benannt nach dem Münchner Tierpark, wo sie entwickelt wurde. Die Spritze hat Pratje zuvor mit einer kleinen Pumpe unter Druck gesetzt: Wenn die Nadel in die Haut eindringt, schiebt sich eine Gummihülse von der Kanülenöffnung, und der Druck presst das Betäubungsmittel in den Körper.
Franky reagiert sehr langsam auf das Medikament. Er zieht sich die Spritze aus der Haut, untersucht sie gründlich, wirft sie dann weg und macht einige Turnübungen. Die Dosis hat nicht ausgereicht – das Tier scheint schwerer zu sein, als Pratje dachte. Er schießt eine zweite Spritze ab, und schließlich schläft Franky ein. Das Tier wird aus dem Käfig gezogen, gewogen (55 Kilogramm) und untersucht. Pratje hält ein Lesegerät an den winzigen Mikrochip, der Franky schon früher unter die Haut geschossen wurde: 0062FE81A – die Nummer stimmt, es ist der richtige Affe. Franky kommt in die Transportkiste.
Vier einheimische Träger schleppen die Fracht durch den Urwald zur Auswilderungsstelle. Bisher ist alles gut gegangen. Aber noch bevor wir das Ziel erreichen, ist Franky wach. Interessiert beobachtet er durch die Gitterstäbe die Landschaft, die an ihm vorbeizieht. Aber er bleibt ruhig. Als wir ankommen, öffnet Pratje die Käfigtür. Kraftvoll zieht sich Franky heraus und turnt hinauf zu einer Plattform, die in zwei Meter Höhe an einem Baum angebracht wurde: Pratjes Leute haben hier Früchte bereitgelegt. Die Zoologen bleiben in der Nähe – die ersten Stunden nach der Freilassung sind besonders kritisch. Wird sich der Orang-Utan in der neuen Umgebung zurechtfinden? Wie reagieren die bereits ausgewilderten Affen auf den neuen? Wird es Revierkämpfe geben oder Verbrüderungsszenen?
In den Baumwipfeln hört man ein bedrohliches Krachen. »Das ist der Orang, den wir gestern ausgewildert haben«, flüstert Pratje. Ein besonders geschickter Kletterer scheint er nicht zu sein. Große Äste brechen herab, dann ist der Affe da. Franky schaut irritiert und zieht sich ein wenig zurück. Der andere frisst die Früchte – Spannung liegt in der Luft. Plötzlich lässt der Orang-Utan von der Nahrung ab, klettert von der Plattform herunter und greift die einheimischen Träger an. Sie flüchten durch das Flussbett und sind verschwunden. Schließlich gelingt es Franky, die Plattform zurückzuerobern. Die Lage ist unübersichtlich: Zwei offenkundig aggressive Orangs belauern sich gegenseitig und uns Menschen. Wir beschließen, uns zurückzuziehen.
Pratje bückt sich nach seinem Rucksack, da stürzt sich Franky mit einem gewaltigen Sprung auf ihn. Der Zoologe geht schreiend zu Boden, Franky beißt zu. Mit einem einzigen Biss reißt er ein großes Stück Fleisch aus Pratjes rechtem Oberschenkel. Nun herrscht Chaos im Urwald. Zwei Tierpfleger stürzen sich mit Knüppeln in den Kampf. Pratje versucht, den Affen wegzuschieben, und wird erneut gebissen – diesmal in die linke Hand. Blutend flüchtet er durch das Unterholz und stürzt über die Böschung in den Pengian-Fluss. Die Tierpfleger folgen ihm, Franky auch.
Zum Glück sind Orang-Utans wasserscheu. Drohend bleibt das Tier am Ufer stehen, ich zerre Pratje auf die andere Seite des Flusses, untersuche seine Wunden. Die Hand ist nahezu enthäutet, die Hose zerfetzt, das Loch im Oberschenkel faustgroß. Schnell desinfiziere ich die Wunden mit Jod aus dem Erste-Hilfe-Paket im Rucksack des Zoologen und lege einen Notverband an. Jetzt zählt jede Minute. Wenn Pratje ohnmächtig wird, ist es kaum möglich, ihn den weiten Weg bis zur Station zu transportieren. Wir müssen den Adrenalinschub nutzen, der ihn nach der Attacke aufgeputscht hat: Solange er wach bleibt, kann er – mit unserer Hilfe – zurückhumpeln.
Im Camp angekommen, wird uns sofort klar, dass Pratje einen Schutzengel hatte: Ein paar Millimeter tiefer, und der Biss des Orang-Utans hätte seine Bein-Arterie zerfetzt. Er wäre verblutet. Der schwer Verletzte muss jetzt sofort ins Krankenhaus, bevor sich eine Blutvergiftung entwickeln kann. Aber da gibt es ein neues Problem: Nur noch einer der Geländewagen ist voll funktionsfähig, und der chinesische Fahrer, der vorgestern mit ihm in den Bach gestürzt ist, traut sich nicht mehr ans Steuer. Fremde Hilfe holen ist unmöglich: Vom Dschungelcamp aus gibt es keine Funkverbindung zur Außenwelt, Rettungshelikopter fehlen auf Sumatra, und normale Allradautos sind während der Regenzeit nicht in der Lage, das Camp zu erreichen.
Also bin ich dran. Rechtslenkung, niedrigster Geländegang – alles ungewohnt. Auf dem Beifahrersitz der blutende Pratje. Der seifige Untergrund ist tückisch: Beim geringsten Gefälle stellt sich der Pick-up quer. Dann die Baumstamm-Brücke, von der das Fahrzeug schon einmal abgerutscht ist. Angstschweiß am ganzen Körper, schließlich Augen zu und drüber – geschafft. Der Regen wird stärker. Mittlerweile ist es Nacht. Im Scheinwerferlicht ist die Straße ein lehmiger Wildbach. Wir bleiben stecken, müssen im Fahrerhäuschen übernachten, aus Pfützen bereiten wir mit Chemikalien Trinkwasser. Pratje blutet immer noch.
Am nächsten Morgen schlägt der Bergungstrupp eine neue Schneise in den Urwald, die alte Piste ist unpassierbar. Es geht weiter. Die Lenkung bricht, kann aber repariert werden. Nach 28 Stunden erreichen wir das Militärkrankenhaus in Jambi, wo Pratje fürs Erste verarztet wird. Damit ist die Sache aber noch nicht ausgestanden: Der kleine Finger müsse amputiert werden; man will ihn dafür nach Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, schicken. Pratje lehnt ab, fliegt nach Deutschland ins Krankenhaus: Keine Amputation notwendig, der Finger bleibt dran.
Inzwischen ist der Zoologe zurück auf Sumatra – mit neuen Plänen. Wenn die Regenzeit vorbei ist, werden hier und da wieder illegale Holzfäller nach Bukit Tigapuluh eindringen. Deshalb will Pratje eine Ranger-Truppe aufstellen, die den Urwald überwacht. Einfacher wären Satellitenfotos, auf denen Kahlschläge zu erkennen sind. Die Bilder könnte man kaufen, aber dafür hat Pratjes Team kein Geld.
Während seiner Abwesenheit sind weitere Affen eingetroffen und müssen ausgewildert werden. Seine Wunden sind verheilt, die Geländefahrzeuge repariert, Pratje hat sich wieder in die Arbeit gestürzt. Die Orang-Utans brauchen ihn.
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