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P.M.-Interview
»Wenn wir nicht aussteigen, bricht das System zusammen«
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Unser Leben wird immer schneller – der Grund ist ein zerstörerisches Wettbewerbsdenken. P.M.-Autor Holger Fuss sprach mit dem Soziologen Hartmut Rosa über die Gefahren der Beschleunigung für den Einzelnen und die Gesellschaft.
P.M.: Technik, Verkehr, Kommunikation, soziale Beziehungen – alles beschleunigt sich zunehmend. Sind wir noch die Herren über unser Leben?
Rosa: Die Beschleunigung ist zu einem stahlharten kulturellen und strukturellen Mechanismus geworden. Früher regulierten sich Gesellschaften über ethische Vorgaben: Dieses darf man, jenes darf man nicht. Unsere Gesellschaft kann man dagegen als wahnsinnig frei beschreiben. Wir dürfen irgendwie alles. Glaube, was du willst! Lebe, wie du willst! Wähle, was du willst! Wir haben ganz wenige ethische Vorgaben: Unsere Anpassungszwänge bestehen heute aus Deadlines, Fristen und Zeitfenstern. Wir müssen andauernd irgendwelche Möglichkeiten ergreifen, ausnutzen und vermehren. Einerseits können wir viel machen, ehe wir sterben – uns immer wieder neu erfinden. Doch es gibt auch das Getriebensein, das Gefühl der Überforderung, die Angst, abgehängt zu werden. Hier wird nicht mehr durch Ethik reguliert, sondern durch die Logik des Wettbewerbs.
Mithin durch die Logik des Kapitals.
Diese Wettbewerbslogik ist nicht allein eine ökonomische Logik. Sie durchzieht alle Lebensbereiche. Denn in unserer Gesellschaft sind Güter, Privilegien, Positionen, Status und Anerkennung wettbewerbsförmig verteilt.
Aber es geht doch überall ums Geld!
Natürlich geht es darum – aber vor allem geht es um Privilegien. Wir konkurrieren beispielsweise auch in den persönlichen Beziehungen um Freunde und Ehepartner. Niemand legt sich mehr fest. Jeder guckt, dass er den bestmöglichen Lebenspartner findet – deshalb sprechen wir zu Recht von einem Beziehungsmarkt. Mit Freunden ist es oft ähnlich. Bei Schülern können Sie beobachten, wie wichtig es ist, wer neben wem im Klassenraum sitzen darf. Oder am Wochenende: Wer ruft wen an? Das ist bei Schülern wie bei Erwachsenen. Überall stecken wir in sozialen Beziehungen, in denen wir mit anderen und um andere konkurrieren. Auch das bringt diese unglaubliche Dynamik hinein. Denn immer dann, wenn ich etwas erreicht habe, wenn ich Freunde habe oder einen Ehepartner, muss ich permanent dafür sorgen, dass diese Menschen auch bei der Stange bleiben. Wenn ich mich nicht als attraktiv, interessant oder gebildet erweise, dann hauen die wieder ab.
In Sendungen wie »Deutschland sucht den Superstar« scheinen junge Menschen eine verzweifelte Form der Existenzvergewisserung zu betreiben.
Genau. Und im Internet hat die Seite »Hot or not« Millionen von Besuchern. Da stellen Menschen Bilder von sich ins Netz und lassen ihre erotische Attraktivität bewerten. Wir sind besessen von der Frage: Wie stehe ich da im Vergleich zu anderen?
Warum ist das so?
In Gesellschaften geht es immer um die Frage der Allokation, der Zuordnung: Wie verteilen wir Güter, Privilegien, Positionen, Lebenschancen, Ansehen und Anerkennung? Eine ständische Gesellschaft macht dies einfach per Verordnung. Dort ist bereits festgelegt, was ein Adeliger hat und darf und was für den Knecht übrig bleibt. In unserer Gesellschaft wird das über den Wettbewerb entschieden. Wir machen das Vergleichen systematisch zu einem Motor der sozialen Organisation. Deshalb ist es bei uns wichtiger als in anderen Kulturen. Und deshalb müssen wir uns dauernd befragen.
In der gegenwärtigen Kultur des Dümmlichkeitswettbewerbs werden lauter Unwichtigkeiten miteinander verglichen. Könnten wir auch zu einer Kultur intelligenter Wettbewerbe gelangen?
Ja. Wenn ich den Wettbewerb kritisiere, will ich das nicht als Anti-Wettbewerbs-Argument verstanden wissen. Ich will nur sagen, wir haben mit dem Wettbewerb ein Problem.
Welches Problem ist das?
Wir sagen zum Beispiel, die Wirtschaft müsse wachsen. Aber warum eigentlich? Weil wir nicht genug Häuser und Straßen haben und dringend welche bauen müssen? Nein. Sondern weil die Logik des Wettbewerbs die Ziele bestimmt. Wir brauchen wirtschaftliches Wachstum, um den ökonomischen Wettbewerb am Leben zu halten.
Gibt es einen Ausweg aus dieser Falle?
Ja. Unsere Ziele dürfen nicht Bestandteil des Wettbewerbssystems sein. Dann macht Wettbewerb durchaus wieder Sinn. Das heißt, wenn die Gesellschaft ein Problem hat, beispielsweise den Treibhauseffekt oder eine Krankheit wie Aids, und wir nach Lösungen für das Problem suchen, also nach einem umweltfreundlicheren Verhalten oder einem Impfstoff – dann gibt es nichts Besseres als den Wettbewerb.
Aber so ideal scheint’s ja nicht zu laufen.
Wenn Wettbewerb ein Instrument politischer oder kultureller Ziele ist, dann ist er super. Aber heute ist der Wettbewerb zu einem reinen Selbstzweck verkommen …
… was der Grund für unsere permanente Überforderung ist?
Ich denke schon. Wenn wir durch die Straßen gehen, begegnen wir vielen Menschen mit verbitterten Gesichtszügen. Eine Umfrage ergab kürzlich, dass 25 Prozent der Deutschen an ihrer absoluten Grenze angelangt seien und schreckliche Angst hätten, nicht mehr mitzukommen. Aber was ist eigentlich unser Problem? Okay, wir haben Angst um unsere Arbeitsplätze. Aber haben wir nicht genug Arbeit? Doch! Wir haben sogar so viele Aufgaben, dass wir das Gefühl haben, nicht genug Zeit dafür zu haben. Haben wir nicht genug Güter? Können wir nicht herstellen, was wir brauchen? Wir können es sogar ganz leicht herstellen! Unsere Schwierigkeiten liegen eher im Überfluss als in der Knappheit. Wie wir es drehen und wenden – unser Problem ist eigentlich gar nicht verständlich.
Also muss es einen anderen Grund haben, weshalb wir in einer so schlecht gelaunten Kultur leben.
Sicherlich auch, weil wir uns als fremdbestimmt erleben. Weil wir uns unentwegt einreden: Ich muss! Ich muss!
In Ihrer Beschleunigungs-Studie sprechen Sie davon, dass wir beherrscht wären von einem »Existenzgefühl des Stehens auf rutschenden Abhängen«. Die »Beschleunigung des sozialen Wandels« führe zu »Verpassensangst« und »Anpassungszwang«. Also überall Schluss mit lustig?
Wir treiben die Lebendigkeit ja schon unseren Kindern aus, indem wir sie früher einschulen, sie schneller zum Abitur führen und noch tausend Sachen nebenher machen lassen. Hauptsache, sie werden fit für den Wettbewerb. Obwohl wir so tun, als lebten wir in einer Spaßgesellschaft, in der Konsum zum Lustgewinn im Vordergrund steht, verhalten wir uns doch sehr weltverneinend. In Wirklichkeit dürfen wir ja gar nicht tun, was uns Spaß macht, was Lust erzeugt. Wir dürfen noch nicht einmal jene Sachen, die wir uns erarbeitet haben, später genießen. Stattdessen sind wir von der Idee besessen, dass wir immer noch fleißiger sein und noch härter arbeiten müssen, und dass wir noch mehr Wettbewerb brauchen …
… für immer noch mehr Wirtschaftswachstum.
Ja. Wenn wir uns fragen, wann ist denn unsere Wirtschaft groß genug, dann lautet die Antwort: Niemals! Wir haben da eine Logik geschaffen, die hört überhaupt nie auf.
Aber was sind die Ursachen?
Es ist der Zwang, in Wettbewerbsfähigkeit zu investieren. Wir stehen permanent in Konkurrenz mit anderen Menschen. Wenn die sich ein bisschen mehr anstrengen und sozusagen nachrüsten, dann sind wir gezwungen, mitzuziehen. Sich mehr anzustrengen heißt ja nicht nur, mehr Zeit aufzuwenden. Es heißt auch, sich mehr zu bilden, fitter und flexibler zu werden und vor allem schneller zu sein. In diesem Dilemma stecken wir, solange wir um knappe Güter, Positionen und Privilegien konkurrieren.
Wo bleibt eigentlich der Protest gegen dieses zermürbende Konkurrenzdasein?
Ich habe den Verdacht, dass viele Menschen zu wenig Selbstwertgefühl besitzen, um aufzubegehren. Diese Wettbewerbskultur funktioniert doch nur mit Menschen, die ein unterschwelliges Gefühl des eigenen Ungenügens, der Wertlosigkeit in sich tragen. Nur dadurch sind sie für ein permanentes Wettrennen empfänglich, bei dem die meisten auf der Strecke bleiben und weitere Erfahrungen der Demütigung einkassieren.
Ist das fehlende Selbstwertgefühl eine Folge des Wettbewerbs?
Andersherum: Wenn wir alle souveräne Menschen wären, würden wir uns doch ungleich freudvoller, spielerischer und zwangloser verhalten. Stattdessen hängt unser Selbstwertgefühl an Positionen und Dingen, die wir erworben haben.
Wie kommen wir aus diesem Teufelskreis heraus?
Mit einer Revolution! (Lacht.) Nein, eine Revolution ist wohl auch keine Antwort. Die Probleme liegen ja tief in der Logik der Moderne begründet. Sie sind viel zu komplex, als dass sie durch eine Strategieänderung oder eine Yoga-Technik zu lösen wären. Ein Ausstieg aus der Logik der Moderne ist erstens schwer zu bewerkstelligen. Und zweitens muss er lange eingeübt werden.
Wie könnten alternative Lebenskonzepte überhaupt aussehen?
Das würde ich auch gerne wissen. Der Ausstieg aus der gegenwärtigen Systemlogik wäre mit derartigen Kosten und Konsequenzen verbunden, dass wir sie gar nicht überschauen können. Deshalb ist es schwer zu sagen, wie ein anderes System aussehen könnte.
Haben Sie eine intuitive Vorstellung davon?
Unser spezifisches kulturelles Programm ist nicht die einzige Möglichkeit für Menschen zu leben. In der Menschheitsgeschichte gab es so viele andere Hochkulturen. Die Maya oder die Inka beispielsweise hatten viele andere Probleme – aber sie kannten unsere Dynamik, unsere Steigerungslogik nicht. Dies gehört zum spezifisch modernen Programm. Ein Programm, das extrem erfolgreich war im Hinblick auf die technisch-instrumentelle Machbarkeit. Aber es hatte eben Nebenfolgen, die wir jetzt massiv zu spüren bekommen. Und ich denke, wenn wir aus der Steigerungslogik nicht aussteigen, wird das System zusammenbrechen.
Warum wird es zusammenbrechen?
Weil wir mit Wachstum und Beschleunigung unsere Handlungsspielräume immer weiter einengen. Das kulturelle Projekt der Moderne lautet: Autonomie, also Selbstgestaltung des Lebens. Die Menschen der Neuzeit wollten ihr Leben nicht mehr der Natur, der Kirche, den Traditionen oder irgendwelchen politischen Herrschern unterwerfen, die uns vorschreiben, wie wir als Individuen und als Gesellschaft zu leben haben. Wie wir leben, wohin wir wollen, bestimmen wir selber. Das ist Autonomie, aber …
… dieser Prozess beginnt sich inzwischen selbst aufzufressen?
Ja. Zunächst haben Wachstum und Beschleunigung unsere Handlungsspielräume massiv gesteigert. Das gilt sogar noch für die 1970er Jahre: Dieses Zerschlagen und Verflüssigen von Tabus, von Konventionen und Traditionen hat unsere Selbstbestimmungsspielräume deutlich erweitert. Politisch ist unsere Gesellschaft ebenfalls viel liberaler geworden. Dazu war natürlich auch eine funktionierende Wirtschaft notwendig, damit Infrastrukturen geschaffen wurden und der Bildungssektor ausgebaut werden konnte. Nachdem Wachstum und Beschleunigung zunächst unsere Selbstbestimmungschancen gesteigert haben, ist diese Entwicklung gekippt. Jetzt untergraben sie unsere Autonomie, indem sie uns in diese Logik zwingen, alles, was wir haben, in die Aufrechterhaltung dieses Rattenrennens zu investieren. In die Aufrechterhaltung und Steigerung unserer Wettbewerbsfähigkeit.
Das heißt, wir könnten unsere Handlungsspielräume wieder verlieren?
Richtig. Wir stehen vor der Frage: Halten wir an der Gestaltungsidee fest? Dann müssen wir aus dem Steigerungsspiel irgendwie aussteigen. Oder lassen wir die Steigerungsspirale weiterlaufen? Dann müssen wir in Kauf nehmen, dass wir nicht mehr die Autoren der Strukturen dieser Welt sind.
Können wir denn aussteigen?
Darüber werden wir in Zukunft nachdenken müssen. Einfach anhalten geht jedenfalls nicht. Das ist wie beim Fahrradfahren: Entweder wir treten weiter in die Pedale der Dynamisierung, dann läuft das Spiel weiter – oder wir treten auf die Bremse, dann fallen wir um. Was wir momentan brauchen, sind Freiräume, um über Neues nachzudenken. Das wäre, glaube ich, ein Anfang.
Und was macht uns wieder zu Autoren unseres Lebens?
Es geht nicht darum, einfach Nein zu sagen. Wir müssen Dinge finden, die es wert sind, die uns langfristige Perspektiven am Horizont eröffnen. Ich denke da an Tätigkeiten, die Menschen für sich als beglückend erfahren. Geige spielen, beispielsweise. Oder Sterne gucken. So etwas mache ich wahnsinnig gern. Ich habe daheim ein tolles Teleskop stehen, aber dass ich zuletzt Sterne geguckt habe, ist ewig lange her. So geht es ja vielen Menschen. Jene Tätigkeiten, die uns wirklich erfüllen, üben wir immer seltener aus…
… dabei sollten wir sie wieder einüben …
… ja, denn darin erfahren wir andere Werte. Und die brauchen wir, um allen möglichen Wettbewerbsflexibilisierungszwängen etwas entgegensetzen zu können. Wir brauchen neue Sichtweisen. Wir müssen uns fragen: Auf welche Weise sind wir Menschen in diese Welt gestellt? Fühlen wir uns hineingeworfen in eine Welt, die uns unübersichtlich oder gar feindlich gegenübersteht und uns nichts zu sagen hat? Oder fühlen wir uns getragen und aufgehoben in einer sinnvollen Welt, die zu unseren Bedürfnissen in Beziehung steht und uns irgendwie antwortet?
Solche Ziele können wir nur aus der Kultur gewinnen, nicht aus der Ökonomie.
Das gelingt nur durch die Reflexion über das gute Leben – ein Nachdenken darüber, was wir eigentlich verloren haben. Dies ist eine Aufgabe für jeden Einzelnen. Ein gelingendes Leben muss jeder für sich selbst formulieren. Deshalb schlage ich auch keine politischen Lösungen vor. Die gibt es derzeit offenbar nicht. Wir können uns aber Intuitionsräume öffnen für neue Daseinsmöglichkeiten, indem wir uns fragen: Was würde mich wirklich interessieren?
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