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Tierrecht
»Ich bin eine Person!«
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Weltweit kämpfen Tierschützer dafür, dass Menschenaffen juristisch den Personenstatus zugesprochen bekommen. Wie groß sind die Chancen?
Wenn Rosi und Hiasl, Österreichs bekannteste Schimpansen, friedlich nebeneinander sitzen und spielen, würde man am liebsten mitmachen und die beiden knuddeln. Doch sie können auch anders. Von einer Sekunde auf die andere kann sich Hiasl in ein echtes »Wildtier« verwandeln. Plötzlich springt er mit voller Wucht gegen die Glasfassade des Wiener Tierschutzhauses und turnt mit lautem Gebrüll an ihr herum. Manchem Besucher fällt bei der kurzen Showeinlage fast die Kamera aus der Hand.
Nach wenigen Sekunden ist der Spuk vorbei, und Hiasl hockt wieder lieb auf einem Ast – stolz, dass er demonstrieren konnte, wer hier der Herr im Haus ist. »Dieses Verhalten ist ganz normal«, erklärt Martin Balluch, Obmann des Vereins gegen Tierfabriken (VGT), der die beiden Schimpansen schon seit fast zehn Jahren kennt. »Schlimmer wäre es, wenn er alles teilnahmslos an sich vorübergehen lassen würde, dann müssten wir uns Sorgen um ihn machen.«
Rosi und Hiasl haben mittlerweile Berühmtheit erlangt. Seit Tierschützer und Juristen vor Gericht gezogen sind, um für sie die Zuerkennung von Persönlichkeitsrechten zu erstreiten, sind sie zum Symbol einer neuen internationalen Bewegung geworden: Weltweit kämpfen Aktivisten darum, Menschenaffen als Personen im juristischen Sinne anzuerkennen. Wenn sie Erfolg haben, werden sich Affen wie Hiasl und Rosi künftig gegen lästige Gaffer zur Wehr setzen können.
Anfang der 1980er Jahre waren Rosi und Hiasl im Dschungel des westafrikanischen Sierra Leone Jägern in die Falle gegangen. Sie sollten als Versuchstiere für die österreichische Aids- und Hepatitisforschung dienen – engagierte Tierschützer konnten das verhindern. Einige Jahre lebten die beiden bei einer menschlichen Pflegefamilie, danach übersiedelten sie ins Tierschutzhaus des Wiener Tierschutzvereins. Dort hat man für sie ein besonderes Gehege errichtet – mit Außenanlage, »Wintergarten« und Innenbereich. Jeder hat sein eigenes Bett, in dem er seine Schätze verstecken kann, einen Spielbaum in der »Wohnstube«, ein paar Bilder an den Wänden und im Garten Ringe und Feuerwehrschläuche zum Rumturnen. Ein kleines Paradies.
Anfang 2007 gab es plötzlich Probleme. Der Wiener Tierschutzverein musste Konkurs anmelden, Rosi und Hiasl standen kurz vor dem Verkauf – ihre weitere Haltung sei zu teuer, befand der Konkursverwalter. »Hier mussten wir eingreifen, denn es hätte unter Umständen bedeutet, dass die Schimpansen im Ausland bei Tierversuchen geendet hätten«, sagt Balluch. Gemeinsam mit der Tierrechtlerin Paula Stibbe hatte er sich jahrelang um die Schimpansengeschwister gekümmert. Die beiden beschlossen, einen bisher einzigartigen Versuch zu starten: Vor dem Bezirksgericht Mödling stellten sie einen Antrag auf »Sachwalterschaft« für den mittlerweile 26-jährigen Hiasl – ein bislang weltweit einzigartiger Vorgang. Ziel ist die Anerkennung des Schimpansen als Person – juristisch kann ein Sachwalter, der für die Betreuung »unmündiger« Menschen zuständig ist, nur für Personen eingesetzt werden. Falls das gelingt, wäre es das erste Mal, dass ein Tier den Personenstatus zuerkannt bekommt.
»Schimpansen und Menschen haben eine genetische Übereinstimmung von 99,4 Prozent, und es ist nachgewiesen, dass die Verwandtschaft von Mensch und Schimpanse enger ist als von Gorilla und Schimpanse«, erklärt der Wiener Rechtsanwalt Eberhart Theuer, der den Fall vor Gericht vertritt. Der Menschenrechtsexperte hat Hunderte Beispiele und wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammengetragen, die das Vorhaben der Tierschützer untermauern sollen. Denn selbst der Indische und der Afrikanische Elefant sind sich genetisch nicht so ähnlich wie die Schimpansen und Menschen.
Und wie wir sind auch die Menschenaffen sehr geschickt: Sie können nicht nur Werkzeuge benutzen, sie stellen sie sogar selbst her – etwa Angeln zum Termitenfischen. Im Senegal wurde eine Gruppe beobachtet, wie sie mit selbst gefertigten Speeren Buschbabys jagten und teilweise nachher auch verzehrten. Laut der renommierten Wissenschaftszeitschrift New Scientist ist es das erste Mal, dass ein Tier ein Werkzeug dazu benutzt hat, andere Wirbeltiere zu jagen.
Wie das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig herausgefunden hat, sind Schimpansen sogar zu altruistischem Verhalten fähig. Bisher glaubte man, dass nur Menschen die Fähigkeit besitzen, anderen zu helfen, ohne einen eigenen Vorteil davon zu haben. Das konnte jetzt widerlegt werden. In dem Versuch gelang es einem Schimpansen nicht, an Futter heranzukommen – ein Artgenosse half ihm, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Schimpansendame Kuni wurde sogar dabei beobachtet, wie sie versuchte, einem jungen Vogel wieder auf die Beine zu helfen. Genauso selbstverständlich ist es für die sozialen Tiere, andere vor Gefahren zu warnen oder verletzte Freunde zu trösten. Forscher aus England glauben sogar, bei Menschenaffen eine »Kultur« zu erkennen. Kultur bedeutet, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht vererbt und auch nicht auf Instinkte zurückzuführen sind, sondern von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Schimpansen der westlichen Elfenbeinküste und Liberias benutzen beispielsweise eine bestimmte Nussknacktechnik, die nur sie beherrschen und die sie an ihre Nachkommen weitergeben.
In der Frage, wie eng die Verwandtschaft zwischen Mensch und Affe tatsächlich ist, sind die Wissenschaftler jedoch gespalten. Für einige ist die hohe genetische Ähnlichkeit von etwa 98 bis 99 Prozent schon ausschlaggebend – keinem anderen Lebewesen sind wir so nah. Doch andere warnen vor voreiligen Schlüssen, denn nüchtern betrachtet haben wir auch mit Mäusen ein zu 90 Prozent identisches Erbgut. Von solchen Einwänden lassen sich die Verfechter von subjektiven Rechten für Menschenaffen jedoch nicht beeindrucken.
Das so genannte »Great Ape Project« ist eine internationale Organisation, die den Menschenaffen bestimmte Personenrechte zuerkennen will. Hinter dem 1993 gegründeten Projekt stehen die Philosophen Peter Singer und Paola Cavalieri. Mit seinem 1975 veröffentlichtem Werk »Animal Liberation« legte der Australier Singer den Grundstein der Tierrechtsbewegung. Doch seine Thesen um den moralischen Status von Tieren sind teilweise umstritten. Er ist der Meinung, dass Diskriminierungen aufgrund der Spezies (»Speziesismus“) genauso willkürlich und falsch sind wie die Diskriminierungen aufgrund der Rasse oder des Geschlechts. Sie würden gegen das grundlegende moralische Gleichheitsprinzip verstoßen. Nur weil ein Tier ein Tier sei, könne man es nicht einsperren und töten. Vegetarismus sei demnach die einzig moralisch vertretbare Lebensweise.
Mittlerweile wird das Great Ape Project von Wissenschaftlern an mehr als 70 Universitäten unterstützt. Sein Erfolg ist beachtlich: In Neuseeland bekamen Menschenaffen bereits als »nichtmenschliche Hominiden« spezielle Rechte zugesprochen. Seither dürfen sie nicht zu Tierversuchen verwendet werden, sofern die Versuche nicht im Interesse ihre Spezies liegen. In Spanien versuchen die Sozialisten gerade, Personenrechte für die Menschenaffen durchzusetzen. Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans und Bonobos sollen drei Rechte zugesprochen bekommen. Erstens das Recht auf Leben – sie dürfen also nicht getötet und ihr Lebensraum muss geschützt werden. Zweitens das Recht auf Freiheit, das die Haltung im Zoo oder im Zirkus verbietet. Drittens das Recht auf körperliche Unversehrtheit – es schützt sie vor Folter und vor Versuchen in Forschungslabors.
Nach heutiger Rechtslage gelten Affen in der ganzen Welt nicht als Personen. »Ein Menschenaffe ist, wie jedes andere Tier, juristisch gesehen zwar keine Sache, wird aber wie eine Sache behandelt«, erklärt der Juraprofessor Ludwig Gramlich von der Technischen Universität Chemnitz: »Damit kann ein Tier niemals Träger, sondern nur Gegenstand von Rechten und Pflichten sein.«
Mit anderen Worten: Wer einen Affen quält oder tötet, verstößt damit nicht gegen irgendwelche Rechte des Tieres, sondern allenfalls gegen Bestimmungen des Tierschutzes. Der Affe selbst hat keinerlei Rechte. Momentan könnte jeder, der genug Geld hat, Hiasl einfach kaufen und mit ihm machen, was er will. Die Interessen des Schimpansen müssen dabei nicht berücksichtigt werden.
Damit sich das ändert, wollen die Tierschützer erreichen, dass Hiasl endlich als Person anerkannt wird: »Nur dann könnten die Spendengelder direkt für ihn verwendet werden, und wir müssten keinen Verkauf befürchten«, sagt Martin Balluch. Auch könnten die Verantwortlichen, die den Schimpansen aus dem Dschungel gekidnappt haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Die Konsequenzen des Personenstatus wären enorm: Beispielsweise könnten Tiere dann auch eine Erbschaft antreten oder auf bessere Behandlung klagen. Ebenso müssten ihnen gewisse verfassungsmäßige Grundrechte zugesprochen werden, sofern sie auf Affen anwendbar sind – also auch die Bestimmungen der Menschenrechtskonvention, die in den meisten Staaten im Verfassungsrang steht. Rechtsanwalt Theuer: »Es geht um die Frage: Wie eng oder weit definiere ich die Begriffe Mensch und Person?« Dass man sich vor zu eng gefassten Konzepten hüten sollte, so argumentiert Theuer, lehre die Geschichte der Diskriminierung von Frauen, anderen Rassen und Ethnien.
Nach heutiger Rechtslage können nur Personen Träger von Rechten und Pflichten sein. Jeder lebende Mensch gilt mit der Vollendung der Geburt als Person. Dies heißt aber nicht, dass nur Menschen Personen sein können. Schließlich haben auch juristische Personen Rechte. »Bei der Definition des Begriffes Person spielen die Vernunft und die Autonomie eine entscheidende Rolle«, sagt Theuer. Dazu gehöre es, verschiedene moralische Handlungsalternativen erkennen und sich für eine entscheiden zu können: »Dies trifft zweifellos auf die Schimpansen zu. Sie sind in der Lage, autonom Entscheidungen zu fällen.« So betrachtet, erfüllt ein Schimpanse die Kriterien des Personenstatus eher als etwa ein geistig behindertes Kind oder ein Neugeborenes. Schon aus diesem Grund ist die Frage der Affenrechte höchst umstritten. Die Kritiker fürchten, dass die Zuerkennung von Personenrechten an Affen den Stellenwert der Menschenrechte unterminieren könnte.
Die Menschenrechtsorganisation amnesty international meint, dass wir erst einmal unsere eigenen Probleme lösen sollten, bevor wir Tieren Rechte zuerkennen. »Es ist erstaunlich, dass Affen Menschenrechte zugesprochen werden sollen, obwohl noch nicht einmal alle Menschen diese Rechte besitzen«, sagt Delia Padron, die Sprecherin der spanischen Sektion von amnesty. Auch die katholische Kirche lehnt das Anliegen ab: Man könne Menschenaffen nicht mehr Rechte zusichern als beispielsweise ungeborenen Kindern. Die Anhänger des Great Ape Project betonen jedoch, dass es keineswegs um Menschenrechte im Sinne der Menschenrechtskonvention gehe – sondern lediglich um einen elementaren Schutz für menschenähnliche Wesen. Rechtsanwalt Theuer: »Grundlegendste subjektive Rechte für Menschenaffen bedeuten die konsequente Fortschreibung des Menschenrechtsgedankens, der notwendige nächste Schritt.«
Das Gericht hat Theuers Antrag zwar abgelehnt – allerdings aus einem viel spezifischeren Grund: Hiasl brauche keinen Sachwalter, weil er keine Nachteile ohne ihn habe und des Weiteren nicht psychisch krank sei. »Das Gericht ist dem Argument, Hiasl sei eine Person, nicht entgegengetreten«, meint der Anwalt optimis-tisch. Derzeit liegt der Fall Hiasl beim Obersten Gerichtshof, dem höchsten Gericht für Zivil- und Strafsachen. Wenn nötig, wollen die Tierschützer sogar bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen. Auch die bekannte Schimpansenforscherin Jane Goodall steht hinter dem Projekt und wünschte »good luck for your crusade« (viel Glück bei eurem Kreuzzug). Goodall ist wohl die berühmteste Forscherin, die den Kämpfern für Hiasls Rechte zur Seite steht, aber durchaus nicht die einzige: Drei Gutachten von vier Wissenschaftern, darunter zwei Jura-Professoren der Universität Wien, untermauern den 50-seitigen Antrag Theuers an das Bezirksgericht mit wissenschaftlicher Akribie. Müssen wir in Konsequenz der Darwin‘schen Evolutionslehre eines Tages die Affen tatsächlich neben uns stellen? Der spanische Philosoph Jesùs Mosterìn formulierte es so: »Wir Menschen sind nicht die Kinder der Götter, sondern die Cousins der Schimpansen.«
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