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Nibelungen

»Drachen töten ist eher so ´ne Jungenkiste ...«

Opernregisseurin und Festspielleiterin Katharina Wagner traf sich zum zweiten Mal mit P.M. HISTORY. In Bayreuth sprach sie über Helden, Kritik – und Verantwortung

 

 

Dieser Artikel stammt aus P.M. HISTORY
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Katharina WagnerKatharina Wagner
Seit 2008 leitet Katharina Wagner, gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die Festspiele von Bayreuth
Wikimedia Commons

P.M. HISTORY: Frau Wagner, vor rund 140 Jahren brachte Ihr Urgroßvater Richard Wagner das Nibelungen-Thema in eine monumentale Bühnenfassung. Was sagen uns die Opern heute?
Katharina Wagner: Ich glaube, der »Ring des Nibelungen« ist ein sehr politischer Stoff, der viele zeitlose Elemente beinhaltet: Macht, Neid, Eifersucht, Mord, Liebe. Es geht um grundlegende menschliche Emotionen, und die sind immer relevant. Das sehen wir auch in der Bühnengeschichte, in der Geschichte der Aufführungen, in der Rezeption. Man merkt daran, dass der »Ring« noch aktuell ist. Denn es gibt ja auch Stücke, die sind verschwunden. Auch manche Stücke von Wagner werden nicht so oft gespielt – zum Beispiel die Frühwerke. Zeitlos ist auch, dass es beim »Ring« so menschlich zugeht – und es zugleich um die Welt der Götter geht. Der Ring ist ja auch ein Symbol für den Machterhalt in der Welt. Alles spielt auf einer übergeordneten Ebene. Es geht also nicht, wie bei manch modernem Stück, um Banalitäten des Alltags – wo man sich fragt: Wird das Stück überleben?

Sie wuchsen mit der Nibelungensage auf. Waren Siegfried & Co auch die Helden ihrer Kindheit?
Nun, ich denke, Siegfried-Helden sind eher Jungen-Helden. Schwert und Drachen töten ist eher so ’ne Jungenkiste. Das ist beeindruckend, dass Siegfried den Drachen tötet. Aber ich hatte jetzt nie das Bedürfnis, das selber zu tun. Vielleicht hatte ich auch zu viel Angst, Drachen zu töten. Und ich war komischerweise auch ein Mädchen, das nie großen Bezug zu Pferden hatte.

Ritterromantik ist dann schwierig, oder?
Ja, insofern fand ich als Kind dann Brünnhilde toll, weil sie so lange im Feuerreifen eingeschlossen war. Und weil sie so lange warten konnte, weil sie so geduldig war, bis sie da endlich jemand rausholt. Was die Damen angeht: Um das Schicksal von Sieglinde zu verstehen, dass es rührt, das ist dann keine kindliche Sache mehr, dazu muss man älter sein. Und auch die Komplexität von Brünnhilde ist dann keine Kinderangelegenheit mehr. Aber das Heldenthema ist wirklich eine gute Frage – ich überlege gerade, ob ich wirklich so echte Helden hatte. Ich glaube, ich wurde auch einfach nicht so erzogen, weil mein Vater mir immer gesagt hat: »Du pass auf, jeder Mensch geht auf die Toilette ...«, und dadurch wurden Helden gleich sehr menschlich gemacht.
Also ist die Erziehung wohl so in die Richtung gelaufen, sie nicht so zu glorifizieren – damit man auch nicht enttäuscht wird, denke ich. Ich könnte da gar nicht so einen Helden benennen. Klar, Bibi Blocksberg fand man toll – die konnte hexen. Durfte sie zwar nicht, aber war toll. Wollte man selbst auch machen. Oder die »Bezaubernde Jeannie«, die sich in der Glasflasche verstecken konnte – auch ganz praktisch, da kam keiner rein, da hatte man seine Ruhe.

Zu den Frauen der Nibelungensage: Brünnhilde – sie hat ja dieses aufopferungsvolle, hingebungsvolle Wesen. Kriemhild stellt man sich konsequent vor, knallhart bis hin zur gnadenlosen Rächerin. Brünnhilde und Kriemhild sind komplexe »role models«. Was sagen Ihnen diese Frauenbilder heute?
Ich würde mal sagen, Kriemhild relativ viel. Gut, die Emanzipation ist heute weitgehend abgeschlossen – ich weiß, manche würden mir da vehement widersprechen –, aber ich glaube schon, dass man als Frau Ziele verfolgen muss. Wobei das eigentlich nichts Männer- oder Frauenspezifisches ist, jeder Mensch sollte seine Ziele verfolgen und sagen: »Okay, da will ich hin!« Aber natürlich nicht in Eiseskälte, und natürlich nicht über Leichen gehen. Andererseits bleibt auch der Brünnhilde-Typ spannend, den kennt man ja auch genauso: »Ich opfere mich jetzt für meine Familie auf, ich opfere mich für eine Sache auf!« Das sind Leute, die auch sehr idealistisch sind. Leute, die an eine Sache glauben und sich dafür opfern. Beide Typen gibt es in unserer Gesellschaft, und beide Typen haben auch ihre Legitimation, ihre Berechtigung. Wenn man mich dann so fragt, wäre ich am liebsten Erda ...

... die germanische Urmutter und Erdgöttin im »Ring des Nibelungen« ...
... ja, weil die alles weiß, sich alles ansieht. Sie taucht auf, warnt und sagt: »Machs, aber das geht in die Hose ...« Und dann verschwindet sie wieder. Eine wahnsinnig interessante Figur.

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Autor/in: Sascha Priester


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