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Serie Gesellschaft im Wandel: Teil 5
»Aufrüstung« der Geschlechter: Die Zukunft der Liebe
Dieser Artikel stammt aus P.M. Magazin
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Die Ansprüche an den Partner steigen – und auf beiden Seiten wird gepokert. Passen Mann und Frau nicht mehr zusammen? Oder steht uns eine neue Form von Liebesglück bevor?
Einmal im Jahr treffen sich die Tiere der australischen Tintenfischart »Sepia apama« vor der Küste Südaustraliens zu riesigen Fortpflanzungsorgien. Große, kräftige Männchen verteidigen dabei ihre privilegierte Stellung heftig. Aber dann nutzen die kleineren Konkurrenten einen Trick, um ebenfalls zum Zuge zu kommen: In einer Art Travestie wechseln sie die Farbe und täuschen vor, Weibchen zu sein. Auf diese Weise können sie sich entspannt den Weibchen nähern. Sind die stärkeren Männchen abgelenkt, machen sie diesen Farbwechsel blitzartig rückgängig – und paaren sich erfolgreich.
Kommt uns das irgendwie bekannt vor? Seit den 1960er Jahren, seit der »sexuellen Revolution«, arbeiten Männer, aber auch Frauen mit einer bestimmten Art geschlechtlicher Mimikry. Am Beispiel des englischen Fußballstars David Beckham wurde unlängst eine neue männliche Attraktivität gefeiert, in der Männer sich weibliche Fähigkeiten aneignen. Sie haben Muskeln und tätowieren sich (männliche Signale), tragen aber weibliche Accessoires (Ohrring, Piercings). Sie gehen zur Kosmetik, zur Massage und kicken trotzdem mit den Kumpels. Vor allem gehen sie gern einkaufen. Was sie nicht daran hindert – siehe Beckham –, in guter alter männlicher Manier fremdzugehen.
Die »Tuntenfische« vor Australiens Küste sind also eine Allegorie für den Wechsel zwischen männlichen und weiblichen Rollen, der bei den Menschen ins Phänomen der »Metrosexualität« mündet. Aber dahinter lauert ein viel substanziellerer Konflikt: eine »Aufrüstung der Geschlechter«, deren Dimension uns erst allmählich bewusst wird. Der Sexualforscher Reimut Reiche dazu: »Beide Partner, nicht mehr nur die Frau, müssen sich heute als ›sexy‹ inszenieren, und das heißt: über Fetisch-Attribute am Körper verfügen. Früher war es allenfalls ein Nebeneffekt, aber nicht erforderlich, wenn der Mann sportlich war; er durfte auch ›stattlich‹ sein. Heute sollen beide Partner bodygestylt, parfümiert und sexuell sein. Der Mann muss sich nunmehr nach dem Ebenbilde stylen, nach dem er in den vergangenen Kulturepochen die Frau als Fetisch geformt hat.«
Harte Zeiten.# Und zwar für Männer und für Frauen. Die Ansprüche steigen, die Verhandlungskompetenz auch, und von beiden Seiten wird gnadenlos gepokert und getrickst. Frauen erwarten von Männern zunehmend Verhaltensformen, die man früher als »weiblich« klassifiziert hätte – Kooperation, Fürsorgeverhalten, emotionale Bindungsleistungen. Männer wissen das. Und tun so, als ob. Aber nicht dauerhaft. Männer erwarten von Frauen im Umkehrschluss nicht nur Traumkörper, sondern auch Kumpelhaftigkeit, Stärke und – auch dies ein Trend – ökonomische Autonomie. Wehe aber, wenn sie dann mehr verdienen als sie selbst – was in einer Gesellschaft, in der Frauen inzwischen besser gebildet sind als die jungen Männer, immer häufiger vorkommt!
Passen also Männer und Frauen unter den Bedingungen der städtischen, globalisierten Gesellschaft einfach nicht mehr zusammen? Werden wir alle ewige Singles mit zwischenzeitlichen Affären? Wie könnte das »längste Drama der Welt«, die Liebe zwischen den Geschlechtern, in Zukunft weitergehen?
Um auf diese Fragen vernünftige Antworten zu finden, müssen wir zunächst in die Vergangenheit blicken. Zwischen Männern und Frauen findet schon seit vielen Jahrtausenden ein vielschichtiges Spiel statt, das aus mindestens vier Komponenten besteht: einer idealisierenden Ebene (Leidenschaft, Romantik) und einer höchst materiellen Ebene (das Paar als ökonomische Einheit); einer kulturellen Dimension (Geschlechterrollen, Arbeitsteilung, Gender-Klischees) und einer biologischen Dimension (Fortpflanzung, Aufziehung des Nachwuchses). Viele Jahrtausende ist dieses Spiel (vor allem für die männliche Seite) relativ gut ausgegangen, weil alle vier Komponenten meist sauber voneinander getrennt und dabei sinnvoll arbeitsteilig miteinander kombiniert waren.
In der modernen städtischen Wohlstandsgesellschaft aber ist nun eine Gemengelage entstanden, deren Wurzeln ins frühe 19. Jahrhundert zurückreichen. Damals entstand mit der »romantischen Liebe« ein idealisierter Gefühlsraum, der sich strikt von der Logik der »Gattenehe« und der Reproduktion abhob. Im Bürgertum wuchs die Sehnsucht nach Hinwendung und Verschmelzung; »zarteste Gefühle« definierten nun einen idealisierten Beziehungsbegriff, der in der Literatur zu einer mächtigen Gegenwelt gegen die Konventionen avancierte. Als Transportmittel für all diese Erwartungen gilt bis heute erfüllte Sexualität – in einer aber gleichzeitig auf Dauer und Verbindlichkeit angelegten Beziehung.
Liebe soll also heute leisten, was früher eher im Religiösen gesucht wurde: Erfüllung, Erhöhung, rauschhafte Intimität. Deshalb sprechen Sozialforscher auch von einer »säkularen Liebes-Religion«. Liebe gleich Erlösung, darunter machen wir es nicht – so lautet die (oft unausgesprochene) Formel der modernen Beziehungskultur. Viele lieben sich nun unter einem »utopischen Vorbehalt«. Sie schauen auf gewisse Weise immer »durch den Partner hindurch« – auf eine noch bessere, noch tiefere Liebes-Story. Das verletzt, kränkt, macht dunkle Bedrohungsgefühle, die sich dann in (gut verfilmten) Scheidungs- und Trennungsdramen Ausdruck verschaffen.
Gleichzeitig wandeln sich die sozioökonomischen Hintergründe jener Dynamiken, die Mann und Frau früher zusammenbrachten und zusammenhielten. Norbert Bolz bringt es in seinem Buch »Blindflug mit Zuschauer« auf den Punkt: »Wir können die Tragödie (...) durch einen einfachen, sich selbst verstärkenden Kreislauf beschreiben. Frauen arbeiten (und wir können hier dahingestellt lassen, warum). Deshalb werden Kinder teurer, denn sie kosten nun wertvolle Arbeitszeit. Folglich werden weniger Kinder geboren – und damit schrumpft das ›gemeinsame Kapital‹ der Eheleute (...). Daraus folgt, dass Scheidungen billiger werden, und deshalb haben wir mehr Scheidungen – worauf die Frauen mehr arbeiten müssen, denn sie können sich nicht mehr auf die Ressourcen der Männer verlassen.«
Und Professor Karl Grammer vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Urbanes Verhalten an der Universität Wien formulierte es so: »Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist ein ökonomischer Kontrakt. Je schlechter die sozialökonomischen Bedingungen, desto stabiler die Beziehung – weil zwei besser überleben als einer allein. Wenn wir so stabile Umwelten haben wie in unserer Gesellschaft, dann gibt es keinen Grund, eine unerfreuliche Beziehung zu erhalten.«
Demnach führt städtischer Wohlstand automatisch zum Liebes-Unglück. Doch: Ist das wirklich so? Wir können auch andersherum fragen: Gab es jemals mehr als, sagen wir, 15 Prozent glückliche Paare? Weil man Glück, vor allem Liebesglück, nur schlecht messen kann, existieren dazu keine wirklich ernsthaften Untersuchungen. Der gesunde Menschenverstand sagt uns aber: Glück in der Liebe müsste man heute eigentlich leichter finden, weil man sich aus einer unglücklichen Beziehung viel einfacher lösen kann als früher. Sicher ist aber auch: Liebesglück wird anstrengender – und variantenreicher. Es verlangt effektive und kunstvolle Sozialtechniken, die wir zum Teil erst noch erlernen und verfeinern müssen. Aber nach den Gesetzen der sozialen Evolution ist es sehr wahrscheinlich, dass wir die Regeln in diesem neuen Spiel lernen werden. Langsam, mit Mühen, unter Schmerzen. Wie aber könnten diese neuen Spielregeln aussehen? Hier sechs zentrale Aspekte.
1. Wir werden einen großen Teil unseres (Liebes-)Lebens in Zukunft mit der Suche nach dem »passgenauen« Partner verbringen.
In der globalen Welt steigt die Anzahl der möglichen Liebespartner ins Unendliche, und die Zahl transkultureller Partnerschaften wächst (nicht zuletzt deshalb, weil es so schwierig scheint, »innerkulturell« glücklich zu werden). Partnerschaftsagenturen, vor allem im Internet, erleben einen gewaltigen Boom. Eine wesentliche Hilfe bietet das so genannte Freischaltprinzip.
Die Partneragentur Parship hat diese Methode weiterentwickelt: Parship arbeitet zunächst mit einem klassischen »Matchmaking«-Algorithmus. Aus den Hunderttausenden von Menschen, die sich auf der Website eintragen, wird zunächst durch einen differenzierten Persönlichkeitstest eine Gruppe von passenden Partnern ausgefiltert. Abgefragt wird dabei so ziemlich alles – vom Alter und Gewicht bis zu Charaktereigenschaften, Hobbys, Träumen. Bis hierhin ähnelt noch alles der guten alten Heiratsvermittlung, nur eben ohne Karteikarten und ohne die gestrenge Chefin des »Eheanbahnungs-Instituts«.
Der entscheidende Unterschied besteht in der Art, wie die Kandidaten sich kennen lernen. Nach und nach werden – immer im beiderseitigen Einverständnis – bestimmte Kommunikationsmedien freigeschaltet. Erst die E-Mail. Dann die Telefonnummer. Dann werden Fotos ausgetauscht. Erst nachdem man sich auf all diesen Kanälen kennen gelernt hat, trifft man sich »in echt«.
Diese Methode ist hypermodern und doch auf eine kluge Weise altmodisch. Sie umgeht den Hormonrausch der körperlichen Verliebtheit – und bietet eine Art Kombination aus dem alten »Heiratsantrag aus der Ferne« und hochtechnologischen Suchmethoden. So vorsichtig wird Partnersuche in »Globolopolis« aussehen: Im Meer der Möglichkeiten »fischen« wir in einem immer größeren Kreis von Menschen. Durch zarte elektronische Berührung lernen wir Sicherheit und Vertrautheit. Danach arbeiten wir uns möglichst verletzungsfrei in die Tiefe einer Beziehung hinein. Sex gibt es womöglich erst ein halbes Jahr nach dem Erstkontakt!
2. Im Laufe ihres Lebens werden Menschen in naher Zukunft im statistischen Schnitt mit 12,7 Partnern eine intensive Beziehung haben.
Diese Zahl stammt von Peter M. Todd, Mathematiker und Spieltheoretiker vom Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung in München. Was scheinbar mathematisch »kalt« klingt, ist Ergebnis einer neuen Wissenschaft, der »Partner-Hermeneutik«. Und auf den zweiten Blick äußerst einleuchtend: Wir brauchen »Übungs-Partnerschaften«, um genügend Reife für eine Lebens-Partnerschaft zu sammeln. Nur wer eine gewisse Bandbreite von Möglichkeiten und Enttäuschungen durchschreitet, kann mehr Sicherheit bei der Wahl des Partners erlangen.
Zählen Sie einmal durch: Wie viele wichtige Beziehungen hatten Sie selbst in Ihrem Leben, bevor Sie sich ernsthaft festgelegt haben? Ob Sex stattgefunden hat oder nicht, ist für die Definition einer wichtigen Beziehung kein zwingendes Kriterium. One-Night-Stands gelten nur dann, wenn sie »erschütternden Charakter« hatten. Und eventuelle »serielle Beziehungen« (à la Boris Becker oder Joschka Fischer, nach dem Motto: immer der gleiche Partner-Typus, immer dieselben Fehler) sollten Sie nur als eine Beziehung zählen.
Liegt Ihre »Quote« irgendwo zwischen 10 und 15, leben Sie wahrscheinlich heute (Ausnahmen bestätigen die Regel) in einer guten Beziehung. Waren es bei Ihnen weniger Partner, müssen Sie noch üben – oder gehören zu den glücklichen Ausnahmen, die trotzdem schon in einer guten Partnerschaft angekommen sind. Wer dagegen über der »Quote« liegt, befindet sich am Rande des wirren Reichs der Polygamie – oder schon mittendrin. Übrigens: In Deutschlands Großstädten liegt die mittlere Partnerschaftsrate heute im Schnitt zwischen sechs und sieben echten Beziehungen – Tendenz allerdings steigend.
3. Generell nimmt das Liebesglück heute zu, weil unglückliche Partnerschaften nicht um jeden Preis erhalten bleiben müssen.
30 (statt der vorhin genannten 15) Prozent aller Liebesbeziehungen sind tatsächlich im weitesten Sinne des Wortes glücklich. Die Scheidungsraten werden eher sinken, denn »Heirat« ist nur eine Option im neuen Liebestheater mit seinen vielen Möglichkeiten und Notausgängen. Wir werden im Verlauf unseres Lebens zwei- bis dreimal über kürzere oder längere Zeit Singles sein – und das womöglich gut finden. Liebesbeziehungen unkonventioneller Prägung nehmen zu. Schwule und lesbische Lebensgemeinschaften sind normal, ebenso Beziehungen zwischen Partnern mit mehreren Jahrzehnten Altersunterschied. In einer Vielzahl von Arrangements zwischen Liebenden entwickeln sich auch neue Formen von Distanz, in denen romantische Motive »gezähmt« werden können. Zu den glücklichsten Liebesbeziehungen gehören nach jüngsten Untersuchungen erstaunlicherweise jene, bei denen die Partner unterschiedliche Wohnorte oder Wohnungen haben. Ein Hinweis darauf, dass es im Partnerleben in Zukunft vor allem um den Umgang mit mehr Autonomie gehen wird. Wer nicht mit sich selbst allein sein kann, so könnte man formulieren, ist auch ein schlechter Liebespartner.
Allerdings bleiben bei diesem komplexeren Spiel auch mehr Menschen einsam. Eine erfolgreiche Dauerbeziehung ist heute an enorme kulturelle Leistungen gebunden. Das Liebesleben der Zukunft ist anstrengend, verlangt hohe Investitionen – oder es wird nicht stattfinden. Auf der »Strecke« bleiben vor allem sehr starke, gebildete, berufstätige Frauen, vor denen Männer Angst haben. Und Männer mit wenig Bildung, die mit ihrer Gesundheit Raubbau treiben und schon deshalb bei den neuen, starken Frauen durch den Partnerwahl-Rost fallen.
4. Männer und Frauen werden sich ähnlicher und zugleich unähnlicher.
Die innere Bandbreite des Geschlechterverhaltens, also das, was wir als männlich und weiblich empfinden, nimmt zu. Wir können Macho und Softie sein, Vamp und Dornröschen. Und draußen auf der freien Wildbahn spielen wir mit allen diesen Motiven – je nach Bedarf und Situation, siehe die Tintenfischart »Sepia apama«.
5. Sex wird zur bewussten Inszenierung.
Wer lebenslang guten Sex haben will, der muss ihn kultivieren und ritualisieren. Deshalb entwickelt sich eine neue Eros-Inszenierungskultur: Edel-Fetischismus, Pornografie, SM und viele andere sexuelle Spielarten wandern in die Intimität der Paarbeziehung (wer aufmerksam die Sexshops beobachtet, wird immer mehr Paare dort finden). Wie bei jedem Trend gibt es allerdings auch hier ein »Retro«: Fortpflanzungssex wird die eigentliche (Wieder-)Entdeckung der kommenden Zeit sein!
6. Das zentrale Stichwort der neuen Liebeskultur lautet »co-evolutionäre Partnerschaft«.
In der modernen Individualgesellschaft gilt eine Beziehung nicht mehr in erster Linie als gelungen, wenn sie mit vielen Kindern gesegnet ist oder mit materiellem Wohlstand. Liebesglück ist vielmehr an die gegenseitige Persönlichkeitsentwicklung gebunden. Wir bleiben nur so lange mit einem Partner zusammen, wie wir uns mit ihm persönlich weiterentwickeln können. Auch das klingt egoistisch, ist es aber keineswegs. Denn es erfordert ein gewaltiges Maß an Disziplin, gegenseitiger Achtung, »Beziehungsarbeit«. »Lieben heißt, sich selbst verändern zu wollen«, diese romantische Parole des Pariser Mai ’68 (der Spruch stand einst auf einem kleinen Zettel über meinem ersten Wohngemeinschafts-Bett) repräsentiert gut die zukünftige Vorstellung von Liebe. In dieser Parole findet die Liebe einen neuen Ethos, der unsere Lust auf Eigen-Sein mit der Sehnsucht nach einem »Du« auf einer höheren Ebene verbindet.
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